Angesichts des demografischen Wandels mit zunehmend multimorbiden Patient:innen steigt der Versorgungsbedarf in der hausärztlichen Grundversorgung merklich. Gleichzeitig rückt die Sicherstellung dieser Primärversorgung als zentrales Thema in den Fokus: Heute getroffene Entscheidungen bestimmen, ob morgen überall in Deutschland noch eine wohnortnahe medizinische Betreuung möglich ist. Hausärzt:innen stehen daher mehr denn je im Mittelpunkt der gesundheitspolitischen Diskussion.
Die aktuelle Hausärztegeneration in Deutschland ist vergleichsweise alt strukturiert. Das Durchschnittsalter der Allgemeinmediziner:innen liegt bei etwa 55 Jahren, und über ein Drittel der Hausärzt:innen ist bereits älter als 60 Jahre. Viele von ihnen werden in den kommenden Jahren in den Ruhestand gehen, was die Frage der Nachfolge dringlich macht. Dabei dominieren immer noch klassische Einzelpraxen: rund zwei Drittel aller Hausarztpraxen werden als Einzelpraxis geführt. Dennoch zeichnet sich ein Wandel ab: Die Zahl der Medizinischen Versorgungszentren (MVZ) in Deutschland wächst kontinuierlich. Zwischen 2022 und 2023 stieg ihre Anzahl um rund 7 %, was auch ihren Anteil an der ambulanten Versorgung erhöht. Im Durchschnitt arbeiten etwa 6,1 Ärzt:innen und Psychotherapeut:innen in einem MVZ, wodurch diese größeren Versorgungseinheiten zunehmend an Bedeutung gewinnen. Nicht zuletzt, weil sie attraktive Arbeitsmodelle und die gemeinsame Nutzung von Ressourcen ermöglichen.
Kennzeichnend für den Berufsalltag der heutigen Hausärzt:innen ist zudem eine hohe Arbeitsbelastung. Viele selbstständige Hausärzt:innen versorgen ein großes Patientenvolumen und arbeiten regelmäßig über 50 Stunden pro Woche. Dieses Arbeitspensum stellt eine Herausforderung bei der Gewinnung von Nachwuchs dar, da jüngere Ärzt:innen zunehmend Wert auf ausgeglichene Arbeitszeiten und Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben legen. Besonders ländliche Regionen kämpfen mit der Versorgung: In dünn besiedelten Gegenden ist die Ärztedichte niedrig, und freiwerdende Praxissitze lassen sich dort nur schwer nachbesetzen. Der Mangel an Hausärzt:innen trifft ländliche Räume daher bereits heute überproportional.
Die Prognosen zur hausärztlichen Versorgung in den kommenden zehn Jahren sind besorgniserregend. Hochrechnungen zufolge könnten bis 2035 bundesweit rund 11.000 Hausarztsitze unbesetzt bleiben. Hintergrund dieser Entwicklung ist vor allem die Altersstruktur: Bis 2035 werden laut Modellrechnungen etwa 30.000 derzeit praktizierende Hausärzt:innen altersbedingt aus dem System ausscheiden. Das entspricht nahezu der Hälfte der aktuell tätigen Allgemeinmediziner:innen. Schon heute gelten viele Regionen als unterversorgt, und dieser Trend dürfte sich verschärfen. Schätzungen gehen davon aus, dass in etwa 40 % der Landkreise Deutschlands künftig ein hausärztlicher Unterversorgungsstatus droht. Zwar ist die Zahl der Ärzt:innen mit Facharztweiterbildung in Allgemeinmedizin in den letzten Jahren stärker gestiegen als in vielen anderen Fachrichtungen, doch reicht dieser Nachwuchs bei weitem nicht aus, um die großen Lücken zu füllen, die durch die Ruhestände entstehen. Eine aktuelle Analyse weist zudem darauf hin, dass auch die Zahl der Medizinstudienplätze nicht ausreicht, um den steigenden Bedarf langfristig zu decken. Dabei ist die Nachfrage hoch: Im Wintersemester 2024/25 erhielten rund 10.000 Studienanfänger:innen einen Medizinstudienplatz, während etwa 20.000 Bewerber:innen leer ausgingen.
Um den drohenden Engpässen entgegenzuwirken, wird in der Fachöffentlichkeit derzeit ein breites Spektrum an Maßnahmen diskutiert.
Es zeichnen sich Entwicklungen ab, die das Berufsbild der Hausärzt:innen bis 2035 maßgeblich prägen könnten. Die Digitalisierung schreitet weiter voran: Von den 2,7 Millionen Videosprechstunden 2024 entfielen rund 50% auf den hausärztlichen Bereich. Telemedizinische Angebote haben sich als sinnvolle Ergänzung bewährt – etwa zur effizienteren Abwicklung von Routinekontrollen und Freisetzung von Kapazitäten für komplexe Fälle. Nach pandemiebedingtem Rückgang stieg die Nutzung 2024 wieder deutlich an (+25% gegenüber 2023).
Weiterhin stehen strukturelle Reformideen zur Diskussion – beispielsweise ein Primärarztmodell, bei dem Hausärzt:innen eine noch stärkere Steuerungsfunktion im Versorgungsnetz übernehmen würden. Ob dies zu einer Entlastung oder zu zusätzlichem Aufwand führt, hängt maßgeblich von begleitenden Maßnahmen wie digitaler Unterstützung und delegierten Versorgungsstrukturen ab. Vieles spricht dafür, dass sich Organisation und Rollenverständnis in der hausärztlichen Versorgung bis 2035 spürbar verändern werden.
Ein zentraler Hebel ist die bessere Arbeitsteilung im Praxisteam. Durch gezielte Delegation ärztlicher Aufgaben an speziell weitergebildete Medizinische Fachangestellte – etwa VERAH® (Versorgungsassistentin in der Hausarztpraxis) oder NäPA (Nicht-ärztliche Praxisassistentin) – kann spürbare Entlastung geschaffen werden. Auch neue Berufsrollen wie Physician Assistants werden erprobt (zum Beispiel im Modellprojekt der KV Nordrhein), um Routineaufgaben zu übernehmen und Ärzt:innen mehr Zeit für ihre Kernaufgaben zu verschaffen.
Auch die Digitalisierung in der Primärversorgung birgt weiteres Entlastungspotenzial. Telemonitoring – also die digitale Überwachung von Gesundheitsdaten chronisch Erkrankter – sowie der Einsatz der elektronischen Patientenakte (ePA) und des eRezepts können Abläufe effizienter gestalten. Viele dieser digitalen Werkzeuge stehen kurz vor dem flächendeckenden Einsatz, um administrative Prozesse zu vereinfachen und die Betreuung von Patient:innen zu verbessern. Ein weiterer Baustein sind Digitale Gesundheitsanwendungen (DiGAs) – geprüfte Gesundheits-Apps auf Rezept. Diese etablieren sich zunehmend in der hausärztlichen Versorgung: Laut einer Umfrage haben rund 32 % der teilnehmenden Praxen bereits mindestens eine DiGA verordnet, vor allem bei chronischen oder psychischen Erkrankungen. Durch die gezielte Integration solcher digitalen Helfer können Hausärzt:innen ihre Patient:innen noch individueller unterstützen.
Auch auf Systemebene werden Reformen angestoßen, um die Primärversorgung nachhaltig zu stärken. Bestehende Versorgungsprogramme wie Hausarztzentrierte Versorgungsverträge (HZV), Disease-Management-Programme (DMP) oder die ambulante spezialfachärztliche Versorgung (ASV nach §116b SGB V) sollen weiterentwickelt und regional ausgebaut werden. Parallel dazu sind finanzielle Entlastungen geplant, um die Rahmenbedingungen für Hausärzt:innen zu verbessern: Seit Oktober 2025 werden die zentralen hausärztlichen Grundleistungen (Kapitel 3 EBM) sowie Haus‑ und Heimbesuche extrabudgetär vergütet. Zusätzlich wurde zu Jahresbeginn die bestehende Vorhaltepauschale (GOP 03040) neu geregelt. Sie berücksichtigt unter anderem Praxisgröße, Patientenzahl, Öffnungszeiten und Versorgungsumfang – und soll insbesondere stark ausgelastete Praxen gezielt stabilisieren. Diese Änderungen sollen die wirtschaftliche Basis der hausärztlichen Versorgung langfristig sichern und die Attraktivität des Berufs steigern.
Fazit und Ausblick
Zahlreiche Lösungsansätze liegen bereits auf dem Tisch: von der Delegation ärztlicher Aufgaben an qualifiziertes Fachpersonal über neue Teammodelle in Gemeinschaftspraxen bis hin zum Einsatz digitaler Hilfsmittel. Viele dieser Maßnahmen zeigen bereits heute eine spürbare entlastende Wirkung im Praxisalltag. Entscheidend wird sein, bewährte Strukturen konsequent weiterzuentwickeln und sinnvolle Innovationen gezielt zu integrieren.
Gelingt es, die richtigen Weichen zu stellen, kann die hausärztliche Versorgung auch im Jahr 2035 und darüber hinaus flächendeckend sichergestellt werden. Die Zukunft der Primärversorgung hängt maßgeblich davon ab, dass wir heute die Grundlagen für morgen schaffen – pragmatisch, evidenzbasiert und stets mit Blick auf die Bedürfnisse der Patient:innen sowie der beteiligten Ärzt:innen und des Praxispersonals.
Referenzen
- KBV Gesundheitsdaten (2024): https://gesundheitsdaten.kbv.de/cms/html/16397.php Zuletzt abgerufen am 30.01.2026
- Destatis (Pressemitteilung NR. N046 vom 1. September 2025): Auf einen Hausarzt oder eine Hausärztin kommen im Schnitt 1 264 Einwohnerinnen und Einwohner - Statistisches Bundesamt Zuletzt abgerufen am 30.01.2026
- KBV Medizinische Versorgungszentren aktuell (2024): Medizinische Versorgungszentren aktuell Statistische Informationen 31.12.2023 Zuletzt abgerufen am 30.01.2026
- Berstelsmann Stiftung Befragung „Wie wollen Hausärztinnen und -ärzte zukünftig arbeiten?“ (2025): Engpässe in Hausarztpraxen verschärfen sich – doch sie wären vermeidbar Zuletzt abgerufen am 30.01.2026
- Robert Bosch Stiftung (2021): Gesundheitszentren für Deutschland – Empfehlungen zur Primärversorgung
- KBV Gesundheitsdaten (2024): KBV - Fachgruppe und Schwerpunkt Zuletzt abgerufen am 30.01.2026
- Ärzteblatt (2025) Analyse: Zu wenig Medizinstudienplätze gegen Ärztemangel; Analyse: Zu wenig Medizinstudienplätze gegen Ärztemangel – News – Deutsches Ärzteblatt Zuletzt abgerufen am 30.01.2026
- Die Techniker (2024): TK: Wieder mehr Videosprechstunden - Anstieg um 23 Prozent | Die Techniker - Presse & Politik Zuletzt abgerufen am 30.01.2026
- Tagesschau (26.06.2025): Kann das Primärarztsystem das Gesundheitssystem entlasten? | tagesschau.de Zuletzt abgerufen am 30.01.2026
- Kassenärztliche Vereinigung Nordrhein (2025): Physician Assistant (PA) | KV Nordrhein Zuletzt abgerufen am 30.01.2026
- PraxisBarometer (2024) Digitalisierung 2024, IGES/KBV: PraxisBarometer 2024: Praxen nutzen digitale Anwendungen immer häufiger. Zuletzt abgerufen am 17.02.2026
- AOK (2020) Evaluation der Hausarztzentrierten Versorgung (HZV) in Baden-Württemberg: HZV-Evaluation_Broschuere_2020.pdf Zuletzt abgerufen am 30.01.2026
- KBV (19.08.2025): KBV - Vorhaltepauschale für Hausärzte neu geregelt – KBV und GKV-Spitzenverband beschließen die Details Zuletzt abgerufen am 30.01.2026
- Zi (04.07.2025): Zi-Trendreport zur vertragsärztlichen Versorgung – Stand 4. Quartal 2024 – Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung Zuletzt abgerufen am 05.02.2026