Nierenschädigung rechtzeitig erkennen: Modernes CKD-Staging mit eGFR und UACR

Eine chronische Nierenschädigung ist ein schleichender Prozess, der oft unerkannt bis zur schweren Nierenfunktionseinschränkung fortschreitet. Da heute wirksame progressionshemmende Therapien zur Verfügung stehen, ist die rechtzeitige Diagnose einer chronischen Nierenerkrankung (CKD) wichtiger denn je. Die moderne Labordiagnostik, basierend auf den Empfehlungen der KDIGO-Leitlinien (2024), bildet den Eckpfeiler für Früherkennung mittels eGFR (geschätzte glomeruläre Filtrationsrate) und UACR (Albumin-Kreatinin-Quotient) sowie Management.

Welche Patientengruppen haben ein hohes Risiko für eine Nierenschädigung?

Bestimmte Risikogruppen erfordern eine besondere ärztliche Aufmerksamkeit und sollten regelmäßig untersucht werden. Dazu zählen vor allem:

  • Patienten mit Diabetes mellitus und/oder (unkontrolliertem) Bluthochdruck.
  • Patienten nach einem stattgehabten akuten Nierenversagen.
  • Patienten unter Einnahme potenziell nierenschädigender Medikamente (z.B. NSAR bei chronischen Schmerzen).
  • Patienten mit Multiorganerkrankungen (z.B. kardiorenales Syndrom bei Herzinsuffizienz).
  • Patienten mit nicht erkannten immunologischen oder genetischen Nierenerkrankungen (z.B. Glomerulonephritis, Zystennieren).

Kompakt zusammengefasst

  • Eine chronische Nierenerkrankung (CKD) verläuft oft symptomlos. 
  • Die frühzeitige Diagnose mittels eGFR und UACR ist entscheidend, um die Nierenfunktion zu erhalten und das kardiovaskuläre Risiko zu senken. 
  • Die KDIGO-Leitlinie 2024 empfiehlt zur Prognose eine kombinierte Risikobewertung aus eGFR und Albuminurie.

Wie erfolgt die moderne Labordiagnostik zur Früherkennung einer CKD?

Die Basisdiagnostik stützt sich auf zwei Säulen: die Beurteilung der Nierenfunktion mittels der eGFR und den Nachweis einer Nierenschädigung mittels UACR.

 

1. Bestimmung der eGFR

Die eGFR ist der zentrale Parameter zur Beurteilung der Nierenfunktion. Die alleinige Messung des Serum-Kreatinins ist heute nicht mehr ausreichend, da der Wert oft erst bei einem Funktionsverlust von über 50 % ansteigt  (sog. „kreatininblinder Bereich“).

 

MethodeAnwendung & Relevanz
eGFR (Kreatinin-basiert)Standard für das initiale Screening und die Verlaufsbeurteilung. Die Berechnung erfolgt mittels validierter Formeln wie CKD-EPI* oder EKFC**, die eine präzisere Einstufung als ältere Formeln erlauben.
eGFR (Cystatin-C-basiert)Cystatin C ist ein von der Muskelmasse unabhängiger Marker. Eine Cystatin-C-basierte eGFR bietet eine genauere Abschätzung bei unklaren Kreatinin-Werten (z.B. bei Sarkopenie, Adipositas, extremer Muskelmasse).

*CKD-EPI (Chronic Kidney Disease-Epidemiology Collaboration – Formel zur Errechnung des eGFR für Erwachsene **EKFC (European Kidney Function Consortium - Formel zur Errechnung des eGFR für Menschen im Alter von 2-100)

 

2. Nachweis der Nierenschädigung mittels Albuminurie

Eine Albuminurie ist der wichtigste Marker für eine manifeste Nephropathie und ein entscheidender Prädiktor für die renale und kardiovaskuläre Prognose.

  • Methode der Wahl: Die Messung des UACR aus dem Spontanurin (bevorzugt erster Morgenurin).
  • Bestätigung: Eine klinisch relevante Albuminurie gilt als nachgewiesen, wenn zwei von drei Proben innerhalb von drei Monaten positiv ausfallen.

 

 

Wie wird das individuelle Risiko stratifiziert?

Das individuelle Progressions- und Mortalitätsrisiko wird erst durch die kombinierte Betrachtung von eGFR und Albuminurie präzise erfasst. Diese "Heatmap"-Klassifikation der KDIGO-Leitlinien ist die Grundlage für alle weiteren klinischen Entscheidungen. Die Zahlen in der Tabelle geben die empfohlene jährliche Frequenz der Kontrollen an.

 Albuminausscheidung im Urin (UACR)


 
A1A2A3
normal bis
leicht erhöht
mäßig erhöhtdeutlich erhöht
< 30 mg/g30–300 mg/g> 300 mg/g
Glomeruläre Filtrationsrate (eGFR) (ml/min/1,73 m2)G1normal oder hoch≥ 90112
G2leicht erniedrigt60–89112
G3aleicht bis mäßig erniedrigt45–59123
G3bmäßig bis deutlich erniedrigt30–44233
G4deutlich erniedrigt15–29334+
G5Nierenversagen< 154+4+4+

 

Farbkodierung des Risikos:

■ geringes Risiko          ■ mäßiges Risiko            ■ hohes Risiko              ■ sehr hohes Risiko 

Wann ist eine erweiterte Diagnostik sinnvoll?

Da das individuelle Progressionsrisiko selbst innerhalb derselben KDIGO-Risikokategorie erheblich variieren kann, ist in bestimmten Fällen eine erweiterte Diagnostik sinnvoll. Die Bestimmung des tubulären Stressmarkers Dickkopf-3 im Urin (uDKK3) kann die Risikoprädiktion weiter verfeinern. Ein erhöhter Wert für uDKK3 weist auf ein hohes Risiko für eine schnelle CKD-Progression hin, insbesondere bei Patienten mit Diabetes mellitus ohne ausgeprägte Albuminurie.

Literaturverweise:

  1. KDIGO 2024 Clinical Practice Guideline for the Evaluation and Management of Chronic Kidney Disease. Kidney Int 2024; 105 (Suppl 4S): S117–S314.
  2. Francis A, Harhay MN, Ong ACM, et al. Chronic kidney disease and the global public health agenda: an international consensus. Nat Rev Nephrol 2024; 20: 473-485