Der Klimawandel ist keine abstrakte Bedrohung mehr, sondern eine konkrete Herausforderung für die öffentliche Gesundheit in Europa. Steigende Temperaturen, mildere Winter und längere, heißere Sommer schaffen hierzulande ideale Bedingungen für Krankheitsüberträger wie Mücken und Zecken. Gleichzeitig begünstigt die Erwärmung der Meere das Wachstum gefährlicher Bakterien.
Für Mediziner:innen bedeutet das eine neue Realität in der Diagnostik: Tropische und bisher seltene Krankheitsbilder werden zu lokalen Risiken. Die klassische Reiseanamnese reicht oft nicht mehr aus. Ein geschärftes Bewusstsein und die enge Zusammenarbeit mit dem medizinischen Labor sind entscheidend, um diese neuen Erreger rechtzeitig zu erkennen.
Lange Zeit galten Krankheiten wie Dengue- oder West-Nil-Fieber als exotische Reiseandenken. Heute sind sie in Europa angekommen.
- Die Überträger: Verantwortlich sind vor allem die Asiatische Tigermücke (Aedes albopictus), die Dengue- und Chikungunya-Viren überträgt, und die heimische Gemeine Stechmücke (Culex pipiens) als Vektor für das West-Nil-Virus. Die Tigermücke breitet sich pro Jahr ca. 60 km nach Norden aus und ist bereits in 13 europäischen Ländern etabliert.
- Die Folge: Lokale Ausbrüche von Dengue- und Chikungunya-Fieber in Südeuropa und etablierte Populationen des West-Nil-Virus bis nach Deutschland zeigen: Die Gefahr ist real und erfordert eine präzise Diagnostik.
Malaria galt in Europa als ausgerottet. Der Klimawandel könnte dies ändern. Wärmere Temperaturen verbessern die Lebensbedingungen für die Anopheles-Mücke in Süd- und Südosteuropa und beschleunigen gleichzeitig den Entwicklungszyklus des Parasiten in der Mücke. Auch wenn die meisten Fälle noch importiert sind, steigt das Risiko lokaler Ausbrüche.
Milde Winter und ein früher Frühling führen dazu, dass Zecken ganzjährig aktiv sind und sich in immer nördlichere und höhere Gebiete ausbreiten. Damit nehmen auch die von ihnen übertragenen Krankheiten zu.
- FSME (Frühsommer-Meningoenzephalitis): Die Zahl der FSME-Risikogebiete in Deutschland hat in den letzten Jahren stetig zugenommen.
- Lyme-Borreliose: Die verlängerte Aktivität der Zecken erhöht das Expositionsrisiko für diese Multisystemerkrankung.
- Zunehmend finden wir in Europa auch die aus südlichen Regionen bekannte Zeckengattung Hyalomma. Diese Zecken sind vor allem Vektoren für das Krim-Kongo-Fieber und das Zecken-Fleckfieber.
Nicht nur an Land, auch im Wasser lauern neue Risiken. Steigen die Wassertemperaturen in Nord- und Ostsee im Sommer über 20 °C, können sich Vibrionen-Bakterien stark vermehren. Über offene Wunden können sie beim Baden in den Körper gelangen und schwere, sich schnell ausbreitende Wundinfektionen bis hin zur Sepsis verursachen. Durch die Aufnahme über Meeresfrüchte können sie sekundär septisch sein. Besonders gefährdet sind ältere oder immungeschwächte Personen.
Auch andere gesundheitsrelevante Erreger wie z. B. Legionellen, Hanta Viren oder Camphilobacter können sich aufgrund der wechselnden klimatischen Bedingungen in unseren Breiten immer häufiger vorkommen. Mit ihnen ist in Zukunft bei der Diagnosestellung zu rechnen.
Angesichts dieser neuen Gefahren ist eine schnelle und exakte Labordiagnostik unerlässlich. Grundsätzlich gibt es zwei Wege, einen Erreger nachzuweisen, deren Wahl vom Zeitpunkt der Infektion abhängt:
| Nachweisart | Methode | Wann sinnvoll? |
|---|---|---|
| Direkter Erregernachweis | PCR (Polymerase-Kettenreaktion): Sucht direkt nach dem genetischen Material (RNA/DNA) des Erregers. | Sehr früh nach Symptombeginn, wenn sich der Erreger aktiv im Körper vermehrt. |
| Indirekter Erregernachweis | Serologie (z. B. ELISA, Immunoblot): Sucht nach der Antwort des Immunsystems, also nach spezifischen Antikörpern (IgM, IgG). | Etwa eine Woche nach Symptombeginn, wenn der Körper Antikörper gebildet hat. |
Gerade bei den Arboviren stellt die serologische Kreuzreaktivität eine Herausforderung dar. Da die Viren (z. B. Dengue, FSME, West-Nil) eng verwandt sind, können Antikörpertests für ein Virus positiv ausfallen, obwohl die Infektion durch ein anderes Virus verursacht wurde. Umso wichtiger ist die Angabe der Reiseanamnese, auch wenn die Reise nicht in den Tropen, sondern im eigenen Land verbracht wurde.
Fazit: Die Reiseanamnese allein reicht nicht mehr aus
Der Klimawandel verändert die epidemiologische Landkarte in Europa nachhaltig. Schutzmaßnahmen wie die Verwendung von Repellentien und Mückennetzen werden für uns immer bedeutsamer. Für Ärzt:innen bedeutet es, bei unspezifischen, grippeähnlichen Symptomen, Fieber, Gelenkschmerzen oder neurologischen Auffälligkeiten auch an klimasensitive Erreger zu denken – selbst wenn keine Reise in klassische Endemiegebiete stattgefunden hat. Die frühzeitige und gezielte Labordiagnostik ist der Schlüssel, um diese neuen Gesundheitsrisiken erfolgreich zu managen.
Referenzen
- AWMF; Deutsche Gesellschaft für Tropenmedizin, Reisemedizin und Globale Gesundheit e.V. (DTG) (2025): S1-Leitlinie Diagnostik und Therapie der Arbovirosen (AWMF-Registernummer 042-010). Zuletzt abgerufen am 24.06.2026
- Robert Koch-Institut (RKI) (2023): Sachstandsbericht Klimawandel und Gesundheit. Zuletzt abgerufen am 24.06.2026
- Robert Koch-Institut (RKI) (2026): Klimawandel und Gesundheit. Themenseite. Zuletzt abgerufen am 24.06.2026
- Robert Koch-Institut (RKI) (2023): Journal of Health Monitoring S4/2023: Auswirkungen des Klimawandels auf nicht-übertragbare Erkrankungen und die psychische Gesundheit – Teil 2 des Sachstandsberichts Klimawandel und Gesundheit 2023. Zuletzt abgerufen am 24.06.2026
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- Limbach Gruppe (o. D.): Labordiagnostik und Therapie der Lyme-Borreliose. Zuletzt abgerufen am 24.06.2026
- Schnaith, E. M.; Elgas, M.; Sitaru, A.-G. / Limbach Gruppe (2024): LaborAktuell: Lyme-Borreliose. Arztinformationen. Zuletzt abgerufen am 24.06.2026
- Limbach Gruppe (o. D.): Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME). Zuletzt abgerufen am 24.06.2026
- Schnaith, E. M. / Limbach Gruppe (2023): LaborAktuell: Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME). Arztinformationen. Zuletzt abgerufen am 24.06.2026
- Limbach Gruppe (2026): Durch Zecken übertragene Krankheiten: Zwei Ableitungen für die ärztliche Praxis. Blogbeitrag. Zuletzt abgerufen am 24.06.2026
- Limbach Gruppe (2026): Factsheet Arboviren: West-Nil. Zuletzt abgerufen am 24.06.2026
- Limbach Gruppe (2026): Factsheet Arboviren: Chikungunya. Zuletzt abgerufen am 24.06.2026
- Limbach Gruppe (2026): Factsheet Arboviren: Dengue. Zuletzt abgerufen am 24.06.2026