Vorsorge, Prävention

Übergewicht – die Volkskrankheit des 21. Jahrhunderts

Übergewicht und Adipositas haben laut WHO weltweit mittlerweile epidemische Ausmaße angenommen. Neben den gesundheitlichen Folgen für die Betroffenen führt die erhöhte Inzidenz auch zu erheblichen wirtschaftlichen Konsequenzen. Übergewichtige Personen haben ein stark erhöhtes Risiko für eine Vielzahl von Erkrankungen, was wiederum steigende Behandlungskosten nach sich zieht. Eine erfolgreiche Bekämpfung scheint nur durch strukturelle Veränderungen in der Gesundheitsversorgung übergewichtiger Personen in Verbindung mit frühzeitigen geeigneten Präventionsmaßnahmen möglich zu sein.

Massiv steigende Inzidenzen

Das WHO-Regionalbüro für Europa hat in seinem Adipositas-Bericht 2022 alarmierende Zahlen dargelegt. Demnach leben fast 60 % der Erwachsenen und annähernd jedes dritte Schulkind in Europa mit Übergewicht oder Adipositas (BMI ≥ 25, siehe Tabelle 1), wobei der Anteil bei Männern (63 %) größer ist als bei Frauen (54 %). Die Prävalenz liegt damit höher als in jeder anderen Region der WHO mit Ausnahme von Amerika. In Deutschland liegen die Werte knapp unter dem europäischen Durchschnitt (57 %), wobei die Unterschiede zwischen Männern (65 %) und Frauen (48 %) hier deutlicher sind. Nach aktuellem Stand wird kein Land der europäischen Region das Ziel, die Adipositaszunahme bis 2025 zu stoppen, erreichen.

BMI ((kg / m²)Kategorie
< 18,5Untergewicht
18,5 – 24,9Normalgewicht
25,0 – 29,9Übergewicht
30,0 – 34,9Adipositas Grad I
35,0 – 39,9Adipositas Grad II
≥ 40Adipositas Grad III

Tabelle 1: Einteilung der Body-Mass-Index (BMI)-Kategorien (modifiziert nach WHO, 2000)

Medizinische Konsequenzen

Die WHO stuft Adipositas als eine chronische Krankheit ein. Die Pathogenese ist multifaktoriell und lässt sich nicht alleine auf falsche Ernährung und mangelnde Bewegung zurückführen. Übergewicht und Adipositas führen zu einem stark erhöhten Risiko für verschiedene Erkrankungen. Betroffene entwickeln häufiger Stoffwechselstörungen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und auch bestimmte Krebsarten treten vermehrt auf.
Bei weiblichen Patientinnen kann krankhaftes Übergewicht darüber hinaus in Verbindung mit verminderter Fruchtbarkeit stehen. Das Polyzystische Ovarialsyndrom (PCO), eine der häufigsten endokrinologischen Störungen bei Frauen, führt unter anderem zu einem Anstieg männlicher Hormone und zur Entwicklung einer Insulinresistenz, was wiederum Auswirkungen auf das Körpergewicht hat. Es wird bei übergewichtigen Frauen deutlich öfter beobachtet und führt in vielen Fällen zu einem unerfüllten Kinderwunsch. Eine verlässliche Aussage über das Ausmaß der körperlichen Beeinträchtigung können verschiedene Laborparameter liefern.
So sind möglicherweise bei Betroffenen sowohl die Leberenzyme im Rahmen einer Fettleber (GPT, Glutamat-Pyruvat-Transaminase; GOT, Glutamat-Oxalacetat-Transaminase) als auch die Blutfettwerte (Cholesterin, Triglyceride, LDL-Cholesterin, HDL-Cholesterin) häufig erhöht. Letztere erhöhen das Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen wie Atherosklerose, Herzinfarkt oder Schlaganfall. Des Weiteren können der Blutzucker- und Insulinspiegel und der Langzeitblutzucker-Wert (HbA1c) durch Übergewicht oftmals erhöht sein, was auf die Entwicklung einer diabetischen Stoffwechsellage hindeuten kann.
Eine fundierte klinische Diagnostik gepaart mit hoher Kompetenz in der labordiagnostischen Befundung sind somit entscheidend für die Behandlung von Übergewicht bzw. Adipositas und den damit verbundenen Komorbiditäten. Beides wird durch die ausgewiesene Expertise der Praxen und Labore der Limbach Gruppe gewährleistet.
Übergewicht und Adipositas sind zudem auch mit psychischen Erkrankungen wie Depressionen oder Angstzuständen verknüpft. Hierbei können Ursache und Wirkung wechselseitig sein: Aufgrund eines durch Übergewicht bedingten geringen Selbstwertgefühls oder sozialer Ausgrenzung können sich psychische Probleme entwickeln; es ist umgekehrt aber auch möglich, dass Übergewicht der Ausdruck einer schon bestehenden psychischen Erkrankung ist.

Adipositas und die Pandemie

Die Corona-Pandemie der letzten zwei Jahre hat die Übergewichtsproblematik weiter verschärft. Quarantäne, Homeschooling und Homeoffice haben zu deutlich weniger Bewegung und zu einer ungesünderen Ernährung geführt. In der Folge haben besonders bei Kindern und Jugendlichen die Inzidenzen von Adipositas und Übergewicht dramatisch zugenommen. Laut einer repräsentativen Forsa-Umfrage haben 16 % der Kinder während der Pandemie deutlich an Gewicht zugenommen. Dies gilt in besonderem Maße für die zehn- bis zwölfjährigen Kinder – in dieser Gruppe sind es sogar 32 %. Auch die WHO spricht in ihrem europäischen Adipositas-Bericht 2022 von „ungünstigen Verschiebungen bei Lebensmittelkonsum und körperlicher Aktivität“ durch die Corona-Pandemie.

Kosten

Die gesamtgesellschaftlichen Kosten von Adipositas in Deutschland betragen Schätzungen zufolge ca. 63 Milliarden Euro pro Jahr, wobei annähernd die Hälfte (29 Mrd. Euro) davon direkte Kosten sind, also Behandlungskosten der Adipositas selbst oder von Komorbiditäten. Die restlichen 34 Mrd. Euro entfallen auf indirekte Kosten wie Arbeitsunfähigkeit, Produktivitätsverlust oder Frührente. Laut OECD-Schätzungen werden in den Jahren 2020 – 2050 etwa 8 % der Gesundheitsausgaben in OECD-Ländern auf die Behandlung von Krankheiten im Zusammenhang mit Adipositas entfallen. Besonders deutlich wird das bei Diabetes: Hier werden 70 % der Behandlungskosten durch Adipositas verursacht.

Lösungsansätze

Der alleinige Appell zu mehr Bewegung und gesünderer Ernährung ist nicht ausreichend, um dem Problem des zunehmenden Übergewichts in der Gesellschaft zu begegnen. Ernährungstherapien, begleitet von Bewegungs- und Verhaltenstherapien, stellen die Basis der konservativen Adipositasbehandlung dar. Zusätzlich müssen aber auch die strukturellen und gesetzlichen Rahmenbedingungen für übergewichtige Menschen verbessert werden. Aufbau und Erweiterung geeigneter Versorgungsstrukturen, Besteuerung und Werbebeschränkung ungesunder Nahrungsmittel sowie soziale Akzeptanz ohne Stigmatisierung stehen hier im Fokus. Des Weiteren kommt der Prävention von Übergewicht im frühen Kindesalter eine besondere Bedeutung zu, da dort die Grundlagen für den richtigen Umgang mit Nahrungsmitteln und Bewegung gelegt werden. Soziale und digitale Medien sollten hierbei unbedingt mit einbezogen werden.

Fazit

Adipositas und Übergewicht haben sich in den letzten Jahren zu einem gesamtgesellschaftlichen Problem von erheblichem Ausmaß entwickelt. Betroffene haben ein erhöhtes Risiko für verschiedene Erkrankungen, was neben der Verringerung von Lebensqualität und Lebenserwartung zu einer Erhöhung der medizinischen Behandlungskosten führt. Therapie- und Präventionsmaßnahmen müssen auf verschiedenen Ebenen ansetzen, um langfristige Erfolge zu erzielen.

Referenzen:

  1. WHO European Regional Obesity Report 2022; zuletzt abgerufen am 10.01.2023
  2. Bundeszentrum für Ernährung: WHO-Bericht zu Übergewicht und Adipositas; zuletzt abgerufen am 10.01.2023
  3. WHO: Obesity. Preventing and managing the global epidemic, 2000;  zuletzt abgerufen am 10.01.2023
  4. DGPM e.V.: Übergewicht politisch bekämpfen – körperliche und psychische Folgen eindämmen; zuletzt abgerufen am 10.01.2023
  5. Frauenärzte im Netz: PCOS verändert den weiblichen Körper langfristig; zuletzt abgerufen am 10.01.2023
  6. IPF: Adipositas: Labortests klären gesundheitliche Folgen; zuletzt abgerufen am 10.01.2023
  7. Deutsche Herzstiftung: Cholesterin im Blick behalten – Herzinfarktrisiko senken; zuletzt abgerufen am 10.01.2023
  8. Spektrum.de: Macht Übergewicht psychisch krank?; zuletzt abgerufen am 10.01.2023
  9. Deutsche Adipositas Gesellschaft: Forsa-Umfrage zeigt Folgen der Corona-Krise für Kinder;  zuletzt abgerufen am 10.01.2023
  10. Deutsche Adipositas Gesellschaft: Kosten der Adipositas in Deutschland; zuletzt abgerufen am 10.01.2023
  11. OECD Health Policy Studies: The Heavy Burden of Obesity; zuletzt abgerufen am 10.01.2023
  12. Pharmazeutische Zeitung: Adipositas: Keine Lösung in Sicht; zuletzt abgerufen am 10.01.2023
  13. Deutsches Ärzteblatt: Adipositas-Prävention: Es gibt keine simplen Lösungen; zuletzt abgerufen am 10.01.2023
  14. S3-Leitlinie Therapie und Prävention der Adipositas im Kindes- und Jugendalter; zuletzt abgerufen am 10.01.2023

Ihr Ansprechpartner

Dr. Martin Hampel
news@limbachgruppe.com

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